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Ein Insider berichtet! || Massenschlachtungen in Neuseeland

Ein Insider berichtet...

Brian Clark (Name geändert) dekontaminiert Bauernhöfe, die von dem Bakterium Mycoplasma bovis befallen sind: Im „Geheimauftrag“ der Regierung. Er darf niemanden erzählen, was er genau macht oder auf welchem Bauernhof er arbeitet. Foto und Videoaufnahmen sind grundsätzlich verboten! Selbst Handys werden am Einsatzort nicht gerne gesehen. Dies wird unteranderem getan um die Farm vor Rufmord und schlechter Presse zu schützen.
Ende Juli 2017 wurde das Bakterium Mycoplasma bovis auf einem Milchviehbetrieb der Südinsel entdeckt. Das Bakterium an sich ist nicht Lebensgefährlich, es kann bei Rindern aber lungenentzündungen, Arthritis oder andere Krankheiten hervorrufen. Trotz dessen können infizierte Tiere auch mit dem Bakterium weiterleben ohne Schaden davon zu tragen.

Bis heute wurden schon knapp 30.000 Rinder auf diversen Farmen gekeult. Nach der Tötung des Bestands einer Farm rückt das Team von Brian an: Sie verhängen einen weiträumigen Sperrbezirk um die Farm, richten Dekontaminierungszonen ein und drehen jeden Stein mehrfach um, um ihn zu reinigen.

Wird das Bakterium bei einem Rind festgestellt, gilt die Farm als infiziert und muss gesäubert werden. „Selbst, wenn nur drei von 500 Kühen positiv getestet wurden“, erklärt Brian. Nicht alle infizierten Rinder erkranken, jedoch können sie als Überträger des Erregers dienen und somit zur Gefahr werden.
Unter anderem deswegen hat sich die Neuseeländische Regierung am 28.05. nach langen und zähen Verhandlungen dazu entschieden, weitere 886 Millionen $ (umgerechnet mehr als 525 Millionen Euro) für zwei Jahre zur Verfügung zu stellen und weitere 150.000 Rinder zu töten. Brian erzählt mir, dass es drei Entscheidungsmöglichkeiten gegeben habe.

Niemand will Massenschlachtungen...

Die laut ihm sinnfreiste Möglichkeit wäre gewesen, nichts zu machen und abzuwarten. Dies hätte aber rund 1.3 Milliarden $ gekostet.

Sinnvoller wäre es da schon gewesen, das Bakterium nicht weiter zu bekämpfen, sondern infizierte Kühe unter strengen Auflagen und in gesonderten Anlagen zu melken.

Schlussendlich hat sich die Regierung mit Agrarindustrie und Experten aber für die – laut Experten – sinnvollste Option geeinigt. „Niemand will Massenschlachtungen“, so Premierministerin Andern. Das Risiko einer Weiterverbreitung wäre jedoch zu hoch, sodass dieser radikale Schritt gegangen werden müsse. Andern wolle in einigen Jahren nicht zurückblicken müssen und sagen, dass sie es nicht mit größerem Engagement versucht hätten. Es sei somit im Nationalen Interesse Neuseelands, Mycoplasma bovis auszurotten.
Trotz der auch vorhandenen Ansteckungsgefahr beim Menschen hat Brian keine Angst, wenn er die Farm betritt. „Wir sind gut geschützt“, berichtet er. Ein bisschen stolz erzählt er, dass man sich das ganze Szenario wie in einem Krimi vorstellen kann: Viele Menschen in Gummistiefeln, weißen Overalls und blauen Handschuhen flitzen über die Farm. Teilweise werden sogar Atemschutzmasken getragen. Handschuhe werden beim kleinsten Riss sofort gewechselt und vor jeder Tür steht ein Wasserbad, welches passiert werden muss. Immer!

Gerätschaften und Maschinen werden in ihre Einzelteile zerlegt, in hochkonzentrierten Chemikalien eingelegt, bevor sie mit der Zahnbürste abgeputzt und wieder zusammengesetzt werden. Anschließend wird die ganze Maschinerie ordentlich auf einer Wiese außerhalb der Quarantänezone aufgereiht. Alles glänzt, als sei es neu. Genau deswegen liebt Brian seine Arbeit auch an manchen Tagen: „Ich freue mich, wenn ich sehe, was alles schon sauber ist. Das sieht immer aus wie frisch gekauft.“

Teilweise sind die Tage auf der Arbeit aber auch sehr eintönig. Stundenlanges rumsitzen auf Eimern, mit Zahnbürsten und Chemikalien bewaffnet Kleinteile putzen, gehöre dazu.

Die Suizidrate steigt rapide...

Mich interessiert, wer das ganze finanziert: Trägt wirklich der Staat die alleinigen Kosten für alles oder muss sich der Farmer prozentual beteiligen? Quarantänezone, Monatelange Material- und immens hohe Personalkosten bezahlen sich schließlich nicht von allein. Brian bestätigt meine erste Vermutung mit einem Lächeln und klärt mich darüber auf, dass die Regierung sämtliche Kosten übernähme – und nicht nur das! Auch der getötete Bestand wird komplett ersetzt.
Dem Farmer entstehen somit keine zusätzlichen Kosten.

Meine großen Augen kommentiert er dann allerdings schnell mit der Kehrseite: Ein finanzieller Bankrott des Landwirts ist trotz alledem nicht unwahrscheinlich. Auch die Suizidrate steigt bei Landwirten in Zeiten wie diesen rapide. 150.000 Kühe können eben nicht mal einfach so eingeflogen werden. Häufig werden Landwirte in Neuseeland auf Farmen auch nur angestellt. Die Farm gehört somit einem Verpächter, der einen Teil des Gewinns einstreicht. Nicht selten kommt es vor, dass die Landwirte in dieser Zeit gekündigt werden. Schließlich können sie über viele Monate keinen Gewinn einfahren.

Und selbst wenn ein Landwirt seine komplett eigene Farm besitzt – Neue Kühe brauchen ihre Zeit. Wenn dann auch noch laufende Kosten beglichen werden müssen…
Noch ist unklar, wie der Erreger trotz strengen Sicherheitsmaßnahmen auf die Inseln gelangen konnte. Experten mutmaßen, dass Wwoofer (=Arbeit gegen Unterkunft & Verpflegung) den Erreger über ihre Gummi- und Wanderstiefel in ganz Neuseeland verteilt haben. Trotzdem bleibt unklar, wie es der Erreger nach Neuseeland schaffen konnte.

Meine Zeit mit Brian ist fast zu Ende. Seine Familie erwartet ihn schon zu Hause. Vorher interessiert mich aber noch eins: Was passiert mit dem kontaminierten Fleisch?
Brian lächelt mich von der Seite an und senkt die Stimme. Er scheint nach Worten zu suchen, bevor er kurz angebunden antwortet: „Das wandert zu McDonalds.“

Das interessiert mich jetzt doch mehr und ich finde heraus, dass beim Menschen keine oder nur geringe Krankheitsanzeichen auftreten können. Die menschliche Magensäure zerstört den Erreger, sodass infiziertes Fleisch auch gegessen werden kann.

Danke Brian!

Nachdenklich mache ich mich zurück auf den Weg nach Hause. Das Gespräch mit Brian hat mir gezeigt, dass nicht alles in Neuseeland immer so glatt läuft wie es scheint. Trotzdem freut es mich zu hören, dass die Regierung die Farmer nicht einfach im Regen stehen lässt, sondern sich um ihre Ängste und Nöte kümmert - auch wenn dies leider nicht immer von einer Sekunde auf die Nächste geschieht.
Anton Neubert
Anton Neubert
wurde 1998 in der Main Metropole Frankfurt geboren. Er liebt es zu reisen und zu fotografieren. Seit Anfang 2017 bloggt er über seine Neuseeland Reise und über verlassene Orte, welche ihn besonders in seinen Bann ziehen.

2 Kommentare

  1. Mario sagt:

    Interessanter Beitrag. Sehe deine Beiträge immer in der Facebook Backpackergruppe!
    Haben uns auch vor kurzem einige Fragen zu diesem Problem gestellt.

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